Der Gesundheitswissenschaftler und Epidemiologe Gerald Gartlehner leitet das Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Universität für Weiterbildung Krems. In seiner Forschung dreht sich alles um Evidenz und wie diese der Gesundheit der Menschen zugutekommt.

Interview: Romana Beer

Upgrade: Wie entsteht Evidenz in der Medizin?

Gerald Gartlehner: Die Art von Evidenz, die wir verwenden, stammt aus Studien, die weltweit durchgeführt werden. Wir orientieren uns nicht an Einzelmeinungen, wie das früher in der Medizin oft der Fall war. Damals gaben Professoren oder angesehene Experten die Richtung vor. Wir betrachten die Gesamtheit der global verfügbaren Studien und fassen diese auch statistisch neu zusammen. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass Evidenz in unserem Sinn kein fixer Zustand ist, sondern ein Prozess und immer im Fluss: Es entsteht ständig neues Wissen, das wiederum das Alte bestärkt, relativiert oder ändert.

Während der Coronavirus-Pandemie hat sich die Evidenz ja sehr oft geändert. Wurden manche Entscheidungen zu schnell getroffen?

Gartlehner: Das Virus war neu. Zu Beginn der Pandemie gab es kaum belastbare Evidenz und trotzdem mussten Entscheidungen getroffen werden. In einer solchen Situation muss man sich an dem Wenigen orientieren, das man hat. Zu Beginn lagen uns nur Fallberichte auf Chinesisch vor, die wir mit Hilfe von Cochrane China übersetzen konnten. Aber gerade in Krisensituation müssen Entscheidungen getroffen werden. Niemand kann sagen: Wir warten jetzt einmal ab, bis es Studien gibt. Da ist es besonders wichtig, offen und transparent mit den Unsicherheiten der Evidenz und den daraus resultierenden Entscheidungen umzugehen. Diese Entscheidungen müssen auch immer wieder neu bewertet werden, sobald neue Evidenz vorliegt. Genau das ist im Grunde evidenzbasierte Medizin.

Hat diese Entscheidungsfindung im Zusammenspiel mit politischen Entscheidungsträgern gut funktioniert?

Gartlehner: In Österreich war meine persönliche Erfahrung eher die, dass Evidenz von der Politik gerne angenommen wurde, wenn sie ins größere politische Schema gepasst hat. Wenn das nicht der Fall war, dann wurde sie eher einfach ignoriert, zum Beispiel bei der Impfpflicht: Während der Delta-Variante, als die Intensivstationen völlig überlastet waren, wurde eine Impfpflicht angedacht. Dann kam Omikron und diese Variante hat deutlich weniger schwere Erkrankungen verursacht. Trotz dieser neuen, völlig gegenteiligen Evidenz hat der Nationalrat die Impfpflicht beschlossen. Das ist ein Beispiel, wie es nicht sein sollte: Unter Unsicherheiten wurde eine risikoreiche Entscheidung getroffen, ohne auf neue Entwicklungen zu reagieren.

Denken Sie, dass man in Österreich gelernt hat und für eine nächste Pandemie gewappnet ist?

Gartlehner: Auf persönlicher Ebene haben alle in irgendeiner Form gelernt, glaube ich. Auf einer höheren, gesellschaftlichen Ebene muss man jedoch sagen: Österreich hat die Entscheidungen, die während der Pandemie getroffen wurden, nie evaluiert so wie das andere Länder getan haben. Unser Pandemiegesetz ist trotz der Coronavirus-Pandemie noch immer aus den 1950er Jahren und in manchen Zügen noch aus der Monarchie. Die fehlende Evaluierung ist im Prinzip eine vertane Chance. Man hätte viel aus der Pandemie lernen können.

Gerald Gartlehner

„Ich sehe in der KI enormes Potenzial. KI kann zu einer Demokratisierung des Wissens beitragen. Ich glaube, dass darin eine große Chance für die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung liegt.“

Gerald Gartlehner

Apropos Politik: Seit dem Amtsantritt von Donald Trump hat sich in den USA für die Wissenschaft viel verändert: Budgets wurden gekürzt, Impfgremien abgeschafft. Sie sind auch an der Universität von North Carolina tätig. Wie nehmen Sie die Veränderungen wahr?

Gartlehner: Es gibt bei öffentlich geförderten Projekten eindeutig Zensur: Man darf bestimmte Begriffe nicht mehr verwenden, vor allem solche, die in Richtung Diversität, Gender oder Inklusion gehen. Es ist auch zu befürchten, dass die derzeitige Politik im Laufe der Zeit Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit in den USA haben wird, zum Beispiel durch die von der Regierung verbreitete Impfskepsis. Es kommt, zum Beispiel, in einzelnen Bundesstaaten zu immer mehr Masernausbrüchen.

An dem Forschungsinstitut, an dem ich arbeite, mussten in den vergangenen Monaten 2.000 Personen entlassen werden, ein Drittel der gesamten Belegschaft. Die Stimmung ist extrem angespannt, auch zum Teil von Widerstand geprägt. Viele Leute sind verunsichert, weil sehr viele Forschungsverträge storniert oder nicht bezahlt wurden. Unser Bereich steht derzeit still und niemand weiß, wie es weitergehen wird. Die meisten hoffen, dass bei den Kongresswahlen im November ein klares Signal von der amerikanischen Bevölkerung gesandt wird, dass sie mit dem aktuellen politischen Kurs nicht einverstanden sind. Viele hoffen, dass die Republikaner deutlich verlieren und sich die Lage dann zumindest etwas bessert.

Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf die Forschungslandschaft in Europa?

Gartlehner: Europa steht zum Teil auf den Schultern der USA, was Forschung anbelangt: Wir alle profitieren von Forschungsergebnissen aus den USA und arbeiten mit ihnen weiter. Insofern sind die Auswirkungen auf Europa groß. Trotz aller Einsparungen unter der Trump-Regierung sind die Forschungsausgaben in den USA noch immer um ein Vielfaches höher als in Europa.

Sie gehören laut der jährlich vom Datenkonzern Clarivate veröffentlichten Liste zum obersten Prozent der am häufigsten zitierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Welche Publikationen bekommen die meiste Aufmerksamkeit?

Gartlehner: Methodische Leitlinien werden sehr häufig zitiert. Oft ist es aber einfach so, dass man mit bestimmten Themen einen Nerv trifft. Ich habe aber auch Publikationen, die überhaupt nie zitiert wurden und bei denen ich nicht wirklich nachvollziehen kann, warum sie überhaupt kein Interesse hervorgerufen haben. Es ist schwer vorherzusagen. Häufig zitiert zu werden, ist aber sicher vor allem ein Zeichen dafür, dass man mit einem guten Team zusammenarbeitet. Wissenschaft ist immer Teamarbeit: Man braucht ein engagiertes Team, sowohl bei der Forschung als auch beim Publizieren.

Sie sind ja auch Co-Direktor von Cochrane Österreich. Die systematischen Übersichtsstudien von Cochrane gelten als Goldstandard. Wie wird die Qualität dieser Reviews gesichert?

Gartlehner: Cochrane verwendet viel Zeit darauf sicherzustellen, dass die Reviews methodisch sauber gemacht sind. Die Autorinnen und Autoren werden geschult und es gibt einen sehr aufwendigen internen Qualitätssicherungsprozess - vom Peer Review innerhalb der Community bis zu einem Editorial Office, in dem noch einmal sehr genau überprüft wird, ob alle Methoden eingehalten wurden und die Inhalte verständlich kommuniziert sind. Die Konsequenz ist leider auch, dass ein Cochrane Review im Schnitt zwei Jahre dauert und insgesamt doch sehr aufwendig ist. Natürlich passieren trotzdem immer wieder Fehler. Aber der Qualitätssicherungsprozess, der dahintersteckt, ist eines der Geheimnisse von Cochrane.

Welche Trends sehen Sie aktuell in der evidenzbasierten Medizin?

Gartlehner: Wie wahrscheinlich fast überall ist es künstliche Intelligenz. Ich sehe in der KI enormes Potenzial: Einerseits, indem damit die aufwendigen Abläufe beim Erstellen von Reviews effizienter gestaltet werden können. Andererseits kann man mit KI das umfangreiche evidenzbasierte Wissen, das bereits vorhanden ist, für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglicher machen. Für Laien und Laiinnen ist dieses Wissen oft schwer lesbar, weil ihnen die Fachbegriffe nicht vertraut sind. KI kann dazu beitragen, dass es zu einer Demokratisierung dieses Wissens kommt, indem nicht nur Ärzte und Wissenschaftler, sondern auch KI-Systeme auf diese großen Datenbanken zugreifen und das Wissen laienverständlich zusammenfassen. Ich glaube, dass darin eine große Chance für die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung liegt.


GERALD GARTLEHNER
Der Epidemiologe Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Universität für Weiterbildung Krems. Weiters fungiert er als Co-Direktor von Cochrane Österreich und als stellvertretender Direktor des Research Triangle Institute International– University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA.

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